Erst kommt der Ekel, dann die Ablehnung. Dies sind oftmals die ersten Empfindungen, angesichts der Werke von Paul Nudd. Dennoch ist eine unwiderstehliche Anziehungskraft spürbar, und wir entdecken eine faszinierende Welt, geschaffen aus schnellen Bleistiftstrichen, präzisen Pinselstrichen und sorgfältig arrangierten Collagen. Kurzfilme mit nicht identifizierbaren schleimigen und gurgelnden Organismen,großformatige Zeichnungen die ausgeweidete grüne Monster zeigen und sechs große schwarze Leinwände, schlicht an die Wand gepinnt, die wenig appetitliche Lebensformen präsentieren. Vielleicht getrieben von der Angst vor der Leere, füllt der Künstler jeden Quadratzentimeter seiner Arbeiten und dreht Videos in Großaufnahme, damit ihm kein Detail entgeht. Diese Fülle trieft und schnell überwindet ein Lachen das Würgen des ersten Moments.
Seit rund einem Jahrzehnt entwickelt Paul Nudd eine beeindruckende und durchgedrehte Bilderwelt. Seine Arbeit ist eine verrückte Mischung diverser künstlerischer Einflüsse aus verschiedenen amerikanischen Subkulturen, vor allem TV-und Horrorfilmen aus den 80er Jahren, wie Die Fliege von David Cronenberg, oderDas Ding aus einer anderen Welt von John Carpenter1. Gleichsam fasziniert von naturgeschichtlichen Dokumentationen und jenen die man auf Medizinkanälen2 sieht, versucht er sich Anfang der 2000er Jahre selbst im Filme machen. Er lehnt die Komplexität und das notwendige technische Know-How aktueller Videokunst ab und beansprucht für sich eine "Home-Made"- Ästhetik: Er dreht auf Super 8 und Hi8 und aus Polystyrol und Gouache erschafft er Szenerien, die Organe und seltsame Grotten ins Gedächtnis rufen.
Mit Hilfe kleiner Plastikrohre sprüht er Farbe und ungewöhnliche Flüssigkeiten wie Shampoo oder Lebensmittel auf die Kulissen, um imaginäre mikroskopische Welten zu schaffen, die Anklänge auf das Körperinnere, als auch das Erwachen der Natur im Frühling beinhalten.
Diese Faszination von sowohl dynamischen als auch mysteriösen Mikroorganismen durchdringt die folgenden Arbeiten von Paul Nudd auf natürliche Weise. Die schwarzen Gemälde der Serie Dirty sind weniger realistisch und viszeral als die Videos. Ihrer Monochromie ist eine Vielzahl an Details entgegen gestellt, subtile Spuren und verschiedene Elemente die auf die Leinwand geklebt wurden (Stoffstücke, Kunsthaar, etc.). Der Körper wird zu einer molekularen Landschaft; Tropfen, Blasen und Flecken, die sich auf der Oberfläche der Leinwand gebildet haben,scheinen sich frei zu multiplizieren, gerinnen und bilden ein Labyrinth. Dennoch bleiben sie voneinander unabhängig und schweben in einer unveränderlichen Welt, still und verschlossen, was den Betrachter zur Besinnlichkeit anregt. Hierin unterscheiden sich diese Arbeiten von seiner Serie Vomitromiton (2009), kleinen farbigen Gemälden, die einen eher nervösen Rhythmus haben. Sie sehen aus wie Bakteriengruppen, oder andere winzige Lebensformen, die man durch ein Mikroskop betrachtet. Auf Leinwand gemalt, lassen die vielseitigen Materialien (Acryl, Emaille, verschiedene Gelarten, Fäden, Ton, Filz, künstliches Erbrochenes, etc.) die Bilder weniger wie Gemälde, sondern vielmehr wie Skulpturen oder Installationen wirken.
Als Gegenpol zur matten und zähflüssigen Beschaffenheit der Dirty-Serie entwickelt Nudd nun seit zwei Jahren eine leuchtendere und flüssigere Handführung auf langen, glatten Papierbahnen. Jedes dieser hochformatigen Bilder zeigt eine mehr oder minder menschliche Figur mit Kopf, Torso, zwei Armen und Beinen. Die Charakter, oftmals Hermaphroditen, tragen seltsame Merkmale, leiden an einerVielzahl von Tumoren, Verletzungen, Warzen und anderen Gewächsen. Man erkennt Genitalien und Schamhaare, die willkürlich überall platziert sind. Im Zustand der Zersetzung scheinen diese Figuren in eine Fülle von Zellen zu explodieren - ein Wirrwarr lebender Materie.
Konfrontiert mit dieser neuen Serie, denkt man zweifellos an genetische Mutation, die Auswirkungen der Pharmazeutischen Industrie und Umweltzerstörung. Nudds Zeichnungen hallen außerdem wie ferne Echos von Werken der Künstler der 70er und 80er Jahre, die bereits auf den Zerfall unserer Umwelt durch die listigen Anschläge der zivilisierten Welt aufmerksam gemacht haben.3 Paul Nudd zeigt die nächste Stufe: Der Mensch, arroganter Plünderer, der den langsamen Tod seiner Umwelt verursacht, erlebt den körperlichen Verfall und wird selbst zu Abfall. Der Körper ist hier das Gegenteil einer idealen Phantasie. Er ist ein sonderbarer Organismus, zu verblüffenden Veränderungen fähig, der uns unsere organische Natur und Endlichkeit aufzeigt, trotz unserer Besessenheit, diese zu überwinden! Wenn der Körper ein Tempel ist, steht er kurz vor dem totalen Zusammenbruch. Nudd konzentriert sich auf den physiologischen Aspekt unseres Seins. In dem er uns auf die verheerenden Auswirkungen von Krankheit und Verfall verweist, macht er uns zu bloßen Klumpen von Zellen, ein klägliches Überbleibsel kurz davor, von den Würmern gefressen zu werden. Er nimmt der Menschheit jede außerordentliche Besonderheit und zeigt ihre totale Bedeutungslosigkeit. Seine radioaktiven Ikonen finden ihre Erlösung allein darin, dass sie sich ihrem Verfall bewusst sind.
Nudds Mutanten erinnern an jenesurrealistische Gemälde die von den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges4 geprägt sind, aber auch an Das Bildnis des Dorian Gray von Ivan Albright aus dem Jahr 19435. Wie seine illustren Vorgänger ist auch Nudd höchst akribisch und seine Werke sind das Resultat langer Arbeitssitzungen. Vor allem aber verschreibt sich Nudd einer gewissen Tradition der Grotesken, die die Malerei in Chicagoin den 60er Jahren geprägt hat. Die Künstler der Gruppe "Hairy Who", wie Jim Nutt und Karl Wirsum, ernannten Hässlichkeit und Üppigkeit zur Regeln ihrer Arbeiten. Sie nahmen an den gesellschaftlichen Debatten ihrer Zeit teil (Feminismus, Androgynie und Transgender) und haben sich radikal gegen die coole Ästhetik der Kunst aus L.A. und New York positioniert. Für Nudd sind diese Arbeiten mit ihren klaren Linien und glatten, kontrastreichen Farbflächen „so perfekt wie Fabrikwaren". Dennoch entschied er einer anderen, weniger kultivierten und deutlich fleischlicheren Ästhetik zu folgen, die den historischen Ambivalenzen in Chicago besser entspricht: Eine Stadt mit Industriearbeitern, schmutzig, arm, aber ehrgeizig und faszinierend.
Die Hauptfarbe in Nudds großen Zeichnungen ist Grün. Von Dunkelbraun, bis zum hellsten Gelb, werden Assoziationen zur Pflanzenwelt wachgerufen, Schimmel, Bakterien, Körperflüssigkeiten, aber vor allem die Monster Hollywoods (Frankenstein, Hulk, Ausserirdische...). Nudds Zeichnungen zeigen zerquetsche Aliens, doch ihre ätzenden Farben, der fehlende Realismus und die skurrilen Titel laden zum Lachen ein. Der Künstler spielt mit dem „Angst machen“, so wie Jugendliche die bei "Scary-Movies" kichern, Videospiele spielen oder Comics lesen, in der Fäkalsprache und das Makabre wetteifern.Paul Nudd trotzt der Öffentlichkeit und besonders der Kunstwelt, indem er lautstark „eklige“ Kunst proklamiert. Aber er scheitert: Die Komik und die manische Detailliertheit, machen seine Werke unglaublich fesselnd.