Eigentlich ist der Titel der Ausstellung eine Sprachruine: Memento – das möchte man um ein Mori ergänzen. Doch Päivi Takala und David Kroell hindern den Besucher daran, eines der berühmtesten Motive der Kunstgeschichte zu Ende zu lesen. Auf Memento folgt kein Mori, sondern eine Leerstelle, ein Schatten, in dem die ursprüngliche Bedeutung verschwindet. Der Titel provoziert Gedanken, die sich nicht im vertrauten Duktus des geflügelten Worts vollenden, sondern im Kopf des Betrachters. Aus „Gedenke, dass du sterben musst“ wird eine Aufforderung ohne Ziel. Gedenke! Aber an was? Das lassen Takala und Kroell offen. Feststellen kann man allerdings, dass beide Künstler auf sehr unterschiedliche Weise etwas sehr ähnliches im Sinn haben: eine Kunst, die das Verschwinden thematisiert und dabei manchmal sogar das Verschwinden der Kunst riskiert.
Päivi Takalas Malerei erzählt vom Verschwinden eines Sinns. Ihre Bildwelt orientiert sich an klassischen, im Grunde klischeehaften Motiven der Malereigeschichte. Sie beklebt eine Leinwand mit Tapestreifen und formt in kargen Umrissen und groben Strichen zum Beispiel Totenkopf und Kerze, altbekannte Vanitas-Symbole. Dann wartet Takala bis sich erste Streifen des Klebebands von der Leinwand lösen. Den Moment, in dem die Bildkomposition zu zerfallen beginnt, hält sie mit Pinsel und Farbe auf einer zweiten Leinwand fest. Sauber und fast fotorealistisch malt sie die groben Falten und herabfallenden Bewegungen des Klebebands nach. Die Bilder, auf denen sich das Tape von der Leinwand löst – eigentlich die Originale – werden vernichtet. Zu sehen ist Vergänglichkeit und Zerfall, festgehalten und eingefroren im langlebigen Medium der Malerei.
Man könnte sagen, dass man es hier mit einer zeitgemäßen Variante der Vanitas Idee zu tun hat, die sich nicht nur traditionell in der Motivwahl wie dem Totenkopf zeigt, sondern auch in der Art wie die Bilder gemacht sind. Takala malt das Memento Mori nicht nur in Form eines Symbols, das Original-Bild selber ist vergänglich und endet als Ausschuss. Und natürlich ist der Akt, ein Klebestreifenbild sauber und präzise abzumalen in gewisser Weise absurd, eine sinnlose Spielerei und dadurch eitel – was der Vanitas-Idee entsprechen würde. Doch Takalas Malerei dekonstruiert ganz offensichtlich auch das Vanitas-Motiv. Es zerfällt vor den Augen des Betrachters. Takala weißt auf den Riss hin, der zwischen Symbol und Bedeutung, zwischen Zeichen und Bezeichnetem entstanden ist. Sie zeigt, dass die Motivgeschichte in der Malerei ein Eigenleben entwickelt hat, in dem es gar nicht mehr lohnt zu fragen, was gemeint ist, sondern in der es viel interessanter geworden ist wie etwas dargestellt wird. Ebenso führt Takala dem Betrachter die Gemachtheit von Kunst vor Augen. Nicht ohne Grund greift sie auf das Material der Tapestreifen zurück, die eigentlich zum Abkleben und Abtrennen von Flächen verwendet werden. Ein Arbeitswerkzeug, ein billiges Hilfsmittel, das die Malerei eigentlich entzaubert, wenn man es im Bild selber zeigt.
Zwei weitere Bilder der Vanitas-Serie formen einen ovalen Bilderrahmen, doch dort wo man einen Kopf erwarten würde, klafft eine weiße Fläche. Wie schon bei dem Titel Memento bleibt eine Leerstelle zurück. Takala deutet immer nur an. Sie legt falsche Fährten, bringt den Betrachter auf die Spur in Richtung eines Sinnzusammenhangs (Vanitas, Memento Mori), der nicht (mehr) existiert. Dazu passend heißt die zweite Serie, aus der in Memento Arbeiten gezeigt werden, Void. Void bedeutet nichtig, unwirksam. Die Bilder zeigen ein Landschaft mit Strandgut Bäume vor leerem Himmel und Sträucher mit einem Vogel darauf. Obwohl die Figuration offensichtlich noch da ist, verschwindet sie gleichzeitig in den aus groben Streifen Klebeband geformten Umrissen und bewusst banalen Motiven. Was bleibt ist Malerei, die es schafft, trotz einer offensichtlich figurativen Motivwelt abstrakt zu werden. Der Sog und die subtile Kraft von Takalas Kunst liegt zum einen in der konsequenten Kargheit, die in ihrer Klarheit Schönheit entfaltet. Zum anderen liegt sie in der Ehrlichkeit sich selbst als Künstlerin und der Kunstgeschichte gegenüber: Die Malerei kann auf eine reichhaltige Motivgeschichte zurückgreifen, aus der man sich als Künstler erstens nach Herzenslust bedienen kann und es zweitens längst nicht mehr nötig ist, eine Erzählung oder einen didaktischen Sinn zu produzieren. Die Kunst ist deshalb Kunst, weil sie diesem Zwang nicht unterliegt. Und weil sie das offen legt, ist Takalas Malerei trotz ihrer formalen und motivischen Strenge, eine sehr freie.
David Kroell geht in seinen subtilen bildhauerischen Arbeiten noch einen Schritt weiter: Manchmal kaum sichtbar, spielt er mit architektonischen Details des Galerieraums. Eine Wand, die im Laufe der Ausstellung leise abbröckelt trägt den Titel Selbsthäutendes Tafelbild. Thomas Demand Steckdose heißt eine Skulptur, in der er eine Steckdose wie auf einem Thomas Demand Foto rekonstruiert. Demand, der seine Motive immer erst als Modell baut, sie dann abfotografiert und anschließend das Modell vernichtet, belässt die Steckdosen auf seinen Bildern nämlich immer ohne Löcher. Eine Randnotiz der Kunstgeschichte, ein winziges Detail wird bei Kroell zu einer Geste, die klein daherkommt, aber weitreichende Konsequenzen beinhaltet. Denn David Kroell möchte, dass der Besucher genau hinschaut, in der Ausstellung aber auch im Anschluss im Alltag. Mit Sicherheit ist Kroells Kunst auch ein Kommentar zur aktuellen Kunstrezeption, die oft nur all zu einfach gemacht wird. Künstler inszenieren multimediale Spektakel, kombinieren Malerei, Skulptur und Performance, laut und grell, so dass es knallt. Werfen Nebelbomben, in deren Rauch die Substanz unwichtig wird, die sich niemand mehr genau anschaut, weil das Spektakel viel zu schnell befriedigt. Mit seinen manchmal fast unsichtbaren Arbeiten verlangt David Kroell hingegen vom Betrachter die Bereitschaft zur Kontemplation.
Der Raum ist für Kroell bildhauerisches Material, wie ein Tonklotz, den er formt und verändert. Dabei geht es ihm nicht so sehr um Architektur-Geschichte, auch nicht um die soziale Funktion des Raums: David Kroells Kunst handelt von Schönheit im Detail, sie handelt vom Hinsehen, von Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. In dem sich David Kroell vor dem Betrachter versteckt, fordert er ihn heraus. Ursprünglich kommt Kroell von der Zeichnung. Auf denen verflüchtigten sich die Figuren immer mehr bis sie zu schemenhaften Geistwesen wurden. Daraufhin stellte sich Kroell die Frage, ob Kunst überhaupt sichtbar sein muss und verlegte seinen Aktionsradius vom Papier weg in den Raum und in die Zeit. Es liegt ein performatives Element in seinen Arbeiten. Die Wand, die während der Ausstellung abbröckelt, die Stelle auf dem Boden, über die die Galeriebesucher laufen – Kroells Kunst ist wie eine Folie, die sichtbar macht und sichtbar werden lässt: Die Spuren der Galeriebesucher oder den Zerfallsprozess von Farbe auf der Wand, Kroell zeigt Zeit bei der Arbeit. Und in dem er sichtbar macht, was normalerweise nicht beachtet wird, ringt er dem kargen White Cube, einen auratischen Moment ab. David Kroell versteht Kunst vor allem als einen Prozess, als das Geschehenlassen von Erkenntnis. Die Steckdose, oder die Wandhäutung, zwei weiße Leinwände, bei denen das Kreuz von einem der Rahmen vergoldet ist, was man von vorne natürlich nicht sieht – Kroell legt ähnlich wie Päivi Takala Spuren aus, die auf den ersten Blick ins nichts führen, die den Betrachter auf die Suche schicken. Kroells bescheidene wie risikoreiche Kunst hat einen Hang zur Auflösung, zur Abwesenheit oder besser: leisen Anwesenheit. In ihr liegt eine feine aleatorisch Poesie, die vor allem deshalb so wertvoll ist, weil sie sich jeder Betrachter für sich selbst erschließen muss. Sie entfaltet erst dann ihre Aura, wenn der Betrachter nach ihr suchen will.
Am Ende eint die Arbeiten von Päivi Takala und David Kroell vor allem eines: In ihnen steckt die Ahnung, was Kunst sein könnte. Eine unfertige Idee, eine Andeutung. Das hat nichts mit Hilflosigkeit zu tun, nichts mit Unsicherheit, Unvermögen und Angst vor einem fertigen Werk. Im Gegenteil. Nichts anderes ist die Kunst: Der Schatten einer Idee. Wer oder was den Schatten wirft und wohin er zeigt, das soll sich – sagen Takala und Kroell – der Betrachter denken.