New address :
Carmerstrasse 11
D 10623 Berlin

Mirko Tschauner
Tabak
13.06.-18.10.2014

TEXT (DE)   TEXT (EN)













Ich habe mir oft gedacht, dass die sichtbare Welt eine vergessene Sprache sein, ein Kode, zu dem wir den Schlüssel verloren haben“* Der Verlust, den Jean Tardieu beklagt und dem er mit seinen poetischen Texten zu begegnen versucht, wird bei Marko Tschauner in ein eigenes Materialvokabular übersetzt. In Köln geboren, verfolgt der am Rhein lebende Bildhauer seit seinem Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie stringent einen eigenen, skulpturalen Weg: Mörtel, Zement, Terrazzo, Jurakalk- und Beton-Werkstein, Styropor, Travertin, Marmor, Asphalt und Stahl gehören zu den Werkstoffen , die er in streng geometrisch-tektonischen Gebilden mit reduzierter Farbigkeit im Widerspruch zu ihrer Statuarik und physischen Massivität dreht, kippt, faltet, schichtet und gegeneinander legt. „Sollten wir uns mit dem Tanz vergänglicher Formen abfinden, die, tief geprägt von ewigen Zwecken, nichts anderes sein wollen als sie selbst, ohne mit uns Signale zu wechseln?“** Das Material selbst scheint die Frage des französischen Autors zu beantworten. Tschauners kontrastreiche Zusammenstellungen entfalten einen starken Ortsbezug und wecken Assoziationen an klassizistische Gebäudefragmente römischer Palazzi oder griechischer Tempel, aber auch an die Epochenästhetik eines architekturgeprägten, urbanen Alltagsraums der 1970er und 1980er Jahre wie Waschbetonplatten, L-Knochen- und Böschungssteine, manchem bekannt aus Kindheitstagen. In der konzeptionell-narrativen Codierung erzählt das Material (unterstützt durch die jeweiligen Titel) über seine Herkunft und technische Verwendung. Besonders deutlich wird dies in Tschauners Photographien – Bilddokumente einer temporären Platzierung seiner Skulpturen in dem uns täglich umgebenden öffentlichen Raum.

 

Archäologischen Fundstücken ähnlich scheinen sie die Vergänglichkeit zu überdauern, trotzen Witterrung und Gezeiten, verstummen nicht, sondern treten in einen Dialog mit ihrem Betrachter. Skulptur eignet sich Raum an, nimmt ihn ein, besetzt ihn und definiert ihn neu. Dieser okkupatorische Charakter manifestiert sich vor allem in der Beschaffenheit und Textur der Werkoberfläche – sei sie nun rau oder poliert, zerklüftet oder geschliffen. Zugleich trägt sie die Zeichen der individuellen Handschrift und offenbart die Spuren des künstlerischen Arbeitsprozesses. Mirko Tschauners plastische Faltungen zeugen von einem komplexen, körperlich anspruchsvollen, kraftvollen Verfahren, währenddessen das eigensinnige, statuarische, widerständige Material eine Zähmung erfährt und so im finalen Objekt der Eindruck von Leichtigkeit, fragiler Balance und Zeitlichkeit entsteht.

 

Sein Atelier ist das eines klassischen Bildhauers: eine mit Betonmischer, Schleif- und Kernbohrmaschine sowie Sandstrahlgerät ausgestattete und nach altbewährten Kriterien (Nordlicht, Ebenerdigkeit) selbst erbaute Schnellbauhalle im Modulsystem. Dank der günstigen Lage außerhalb des Stadtzentrums kann er dort die ganze Woche rund um die Uhr tätig sein und profitiert gleichzeitig von der verschiedenen Kiesgruben des Umlands. In seinen vier Wänden wird gesägt, geschliffen und gegossen; die zum Einsatz gebrachten Maschinen agieren wie moderne Meißel und modellieren schrittweise die gewünschte Form. Sogar der typische, häufig in historischen Atelierszenen dargestellte Holzofen fehlt nicht, sondern bildet einen wesentlichen Bestandteil seiner Werkstatt.

 

Der Schlüssel zur sichtbaren Welt, wie ihn Tardieu beschreibt, liegt hier im Stein selbst, in seiner Schönheit, sinnlichen Haptik und Eigentümlichkeit, die es Mirko Tschauner in seinen skulpturalen Arbeiten überzeugen zu enthüllen gelingt. (Text : Ursula Ströbele, vielen Dank an der Galerie Jahn, München)

 

*Jean Tardieu, Mein imaginäres Museum, Frankfurt am Main 1979, S.7

**ebd.